Freie Wurzelausdehnung als Produktionsfaktor

 Mit dem Begriff "freie Wurzelausdehnung" möchte ich darauf hinweisen, dass ein gut durchlässiger Boden einer der wichtigsten Produktionsfaktoren für eine nachhaltige Landwirtschaft ist. Ich habe während den letzten Jahren sehr viel Zeit damit verbracht das Geschehen im Boden zu beobachten. Mit allen Sinnen, viel Neugier und Unbefangenheit. 

 

Keimt ein Samen im Boden, sucht sich die junge Pflanze sofort Habitate im Boden, die ihnen bedarfsgerecht das bieten können, was sie braucht. Geleitet von Sinnen, die vielleicht denen von uns Menschen gar nicht so unähnlich sind. Mehr dazu auf www.blauen-institut.ch

 

Die Wurzeln der Pflanze durchdringt also den Boden. Sie sucht quasi mit ihren Armen die Umgebung ab. Am besten und am schnellsten gelingt dies wohl in den oberen 5 Zentimeter Boden. 

Parallel dazu, versuchen fast alle Pflanzen auf direktem Weg so tief wie möglich zu wurzeln. In bestehenden Wurmgängen oder Gängen von abgestorbenen Wurzeln.

 

 

Feine Wurzeln wachsen im Schatten der Pflanzen an der Bodenoberfläche.
Feine Wurzeln wachsen im Schatten der Pflanzen an der Bodenoberfläche.

Rüebli welches mühelos den Weg in die Tiefe gefunden hat. Dank der guten Bodenstruktur konnte ich dieses Rüebli von Hand mit Wurzeln einfach aus dem Boden ziehen.
Rüebli welches mühelos den Weg in die Tiefe gefunden hat. Dank der guten Bodenstruktur konnte ich dieses Rüebli von Hand mit Wurzeln einfach aus dem Boden ziehen.

Um diese "freie Wurzelausdehnung" zu ermöglichen, muss eine intakte "Bodeninfrastruktur" vorhanden sein.

 

Unter dieser Bodeninfrastruktur verstehe ich Folgendes:

  • Wurmgänge
  • Wurzelreste der Vorkulturen
  • Ungestörte Habitate für Mykorrhiza Pilze
  • Intakte Kapillarität für einen ausgeglichenen Wasserhaushalt
  • Eine stabile Krümelstruktur, in der alles eingebettet ist
  • ... 

Stehen die Pflanzenwurzeln irgendwo im Boden an, sind sie auf freigesetzte, Nährstoffe und Wasser angewiesen, die durch Düngungen, Mineralisation und Bewässerung an die Pflanzen herangetragen werden.

 

An der Bodenoberfläche ist ein sehr interessantes Verhalten vieler Pflanzen zu beobachten. Sie Wurzeln sichtbar auf der Bodenoberfläche wenn mann es dann zulässt. Besonders gut zu beobachten ist die in Gründüngungen, wo sich im Schatten der Pflanzen, Wurzeln an der Bodenoberfläche entwickeln. Ich gehe davon aus, dass Pflanzen diese Wurzeln nicht umsonst macht. Vielleicht kann sie damit sogar Luftstickstoff mit Hilfe von Luftstickstoff fixierenden Bakterien sammeln. Es macht jedenfalls den Eindruck, dass diese Wurzeln für die Pflanzen wichtig zu sein scheinen.

 

Weiter unten, in den obersten 5 cm Boden ist das Bodenleben am aktivsten. Pflanzen durchwurzeln diesen Bereich intensiv und gerne, da er oft locker und luftig ist. Ich gehe davon aus, dass Pflanzen mit ihren "Fühlerwurzeln" interessante Nährstoffquellen suchen. Wenn etwas gefunden wurde, (etwa ein Regenwurmkot) werden diese Wurzeln stärker wachsen. 

 

Besonders aktiv ist der Boden wenn frische organische Substanz etwa von der Vorfrucht oder Zugeführtes in den oberen 5 cm Boden eingearbeitet ist. Noch besser ist es, wenn darauf noch Mulch als Bodenbedeckung aufliegt. 

 

Um diese Beschreibung über "freie Wuzelausdehnung" zu veranschaulichen, habe ich anhand einer Anbaumethode für Zuckermais und Sojabohnen mein Vorgehen dokumentiert. 




Anbaumethode: Zuckermais-Soja 2015

Vorgehen beim Anbau:

  1. Kunstwiese flach abgeschält 1.2m breit, 70 Meter. (21. April)
  2. ca. 10 Tage später, zweiter flacher Fräsdurchgang. (2. Mai)
  3. Säen in drei Reihen 40 cm Reihenabstand, links + rechts alle 10 cm eine Sojabohne und alle 50 cm ein Zuckermais. In der Mitte nur Zuckermais, Fläche 40m x 1.2m. (18. Mai) / Vergleichsfläche nur mit Zuckermais 30 m x 1.2 m.
  4. Mit dem Motormäher die Wiese gemäht und den Grasschnitt zwischen die Reihen gelegt. (25. Juni)
  5. Zuckermais ernte ab dem 4. August, Soja Edamame ab dem 20. August.

Folgende Produktionsfaktoren habe ich in diesem Anbausystem versucht zu fördern / Beispiele wie:

  1. Die Mykorrhizierung / Durch flache und schonende Bodenbearbeitung, ohne leicht lösliche Düngermittel
  2. Knöllchenbakterien bei den Sojabohnen / Durch Beimpfung
  3. Ausgeglichener Wasserhaushalt / Bodenbearbeitung und Mykorrhiza
  4. Füttern des Bodenlebens / Stehende Wiese eingeschält, Mulch zwischen die Reihen gelegt
  5. Oberflächennahe Wurzeln / Stehende Wiese eingeschält, Mulch zwischen die Reihen gelegt
  6. Gute Bodenbedeckung / Mit den grossen Blättern der Sojabohne

 

2. Mai 2016. So sieht die Wiese 10 Tage nach dem ersten flachen Schäldurchgang aus.
2. Mai 2016. So sieht die Wiese 10 Tage nach dem ersten flachen Schäldurchgang aus.
So sieht das Saatbeet nach dem zweiten, flachen Fräsdurchgang aus . Ein kleiner Anteil Klee und Gras hat überlebt, wächst wieder an, übernimmt die Funktion einer Untersaat und kann als Mykorrhiza-Wirt dienen .
So sieht das Saatbeet nach dem zweiten, flachen Fräsdurchgang aus . Ein kleiner Anteil Klee und Gras hat überlebt, wächst wieder an, übernimmt die Funktion einer Untersaat und kann als Mykorrhiza-Wirt dienen .
Anfang Juli, ein paar Tage nach dem ablegen vom Grasschnitt zwischen den Reihen.
Anfang Juli, ein paar Tage nach dem ablegen vom Grasschnitt zwischen den Reihen.
4. August, Mais und Bohne stehen gesund in mitten der Wiese. Trotz Konkurrenz der Wiese und der Trockenheit im Sommer 2015.
4. August, Mais und Bohne stehen gesund in mitten der Wiese. Trotz Konkurrenz der Wiese und der Trockenheit im Sommer 2015.

 Es war sehr erfreulich zu sehen, wie gut die Mischkultur gewachsen ist, ohne unter der Konkurrenz der Wiese zu leiden. Gemeinsam scheinen die beiden Partner Soja und Mais sehr stark zu sein. Ich stelle mir vor, dass beide mykorrhiziert waren, der Mais für genügend Zucker und die Sojabohne für genügend Stickstoff gesorgt haben. Dank der reduzierten Bodenbearbeitung nach der Kunstwiese und ohne Befahren der Pflanzflächen konnten die Wurzeln wohl direkt die bestehende "Infrastruktur" im Boden nutzen. So konnten sie tief wurzeln, um den ganzen Sommer über an genügend Wasser zu kommen.

 

Ich habe keinerlei leicht löslichen Dünger, wie z. B. Gülle oder Biorga eingesetzt. Das hat die Pflanzen gezwungen, selbst für genügend Nährstoffe zu sorgen oder danach zu suchen. 


Auf der Vergleichsfläche ohne Sojabohnen, ist es dem Mais nicht gelungen sich gegen die Wiese durch zu setzten. Es fehlte wahrscheinlich die gute Bodenbedeckung und der Stickstoff der Sojabohne. Der Zuckermais hatte Beulenbrand, Spindelabsätze, war nicht standfest und die Bestäubung war schlecht. 

 

Leider habe ich damals nicht gewusst, dass Beulenbrand essbar ist und bereits als Delikatesse gehandelt wir.

 

Für den Boden war dieser Versuch nicht tragisch, weil nach kurzer Zeit die Wiese zurück war und der Boden nicht unnötig offen gelegen hatte.

 

 


Eine kleine Sensation

Es ist allgemein bekannt, dass Leguminosen Symbiosen mit Knöllchenbakterien machen und mykorrhiziern.

Dass jedoch Sojabohnen Regenwurm-Wurzelknäuel bilden, davon habe ich allerdings noch nie etwas gehört. Umso erstaunter war ich, bei der Vorerntebonitur der Wurzeln.

 

Ganz an der Bodenoberfläche, leicht mir Mulch bedeckt entdeckte ich einen 50cm langen und starken Wurzelausläufer welcher am Ende ein Knäuel mit vielen Regenwürmer darin aufwies.

 

Offensichtlich hat die Sojabohne einen besonderen Sinn um Nährstoffe, etwa in einem Wurmkot, zu finden, auch wenn dieser mehr als 50 cm entfernt ist.


Grosse und kleine Regenwürmer teilen sich die Behausung im Sojabohne-Wurzelknäuel.
Grosse und kleine Regenwürmer teilen sich die Behausung im Sojabohne-Wurzelknäuel.

Ablöseprinzip: Zuckermais und Brokkoli 2015

Ein sehr wichtiger Aspekt in Mischkulturen ist das Ablöseprinzip. Pflanzen sondern während des Wachstums gezielt "Nährlösungen" für die Bodenorganismen aus welche sie beim Aufschliessen der Nährstoffe in der Erde unterstützen. Die Aktivität um die Pflanzenwurzeln reduziert sich deutlich, sobald die Pflanze abreift oder oberirdische Pflanzenteile geerntet werden. Im Idealfall behält dann schon die nächste Kultur die Bodenaktivität hoch.  

 

Das Aufrechterhalten dieser Bodenaktivierung durch Pflanzen baut eine stabile Bodenstruktur auf. 

25. September. Der Zuckermais ist erntereif und der Brokkoli beginnt erst mit der Kopfbildung.
25. September. Der Zuckermais ist erntereif und der Brokkoli beginnt erst mit der Kopfbildung.


20. Oktober. Der Zuckermais stirbt langsam ab und der Brokkoli kann geerntet werden.
20. Oktober. Der Zuckermais stirbt langsam ab und der Brokkoli kann geerntet werden.